Eine Welt aus Plastik 1

Umfrage zum Thema Kunststoffe.  Die Kunststoffbranche steckt voller Ideen und Perspektiven – auch oder gerade in Zeiten der Wirtschaftskrise. Daher starteten wir in der ke-Gruppe auf Xing eine Umfrage, inwieweit Konstrukteure und Entwickler bei der Wahl des geeigneten Werkstoffs für ein Produkt immer ausreichend über Alternativen nachdenken.

In Europa werden heute rund 60 Millionen Tonnen Plastik pro Jahr produziert. Das ist etwa ein Viertel der Weltproduktion”, so John Taylor, Präsident von PlasticEurope, in dem Dokumentarfilm Plastic Planet, der unlängst in den Kinos lief. „Die Menge des Kunststoffs, die wir seit Beginn des Plastikzeitalters produziert haben, reicht bereits aus, um den gesamten Erdball sechsmal mit Plastikfolien einzupacken“, heißt es in dem Film des österreichischen Regisseurs Werner Boote. Die Kunststoffindustrie zeichnet sich durch ständige Prozess- und Produktinnovationen aus. Aber es gibt auch Stimmen, die auf Probleme und Gefahren hinweisen. Zahlreiche Studien belegen: Chemikalien lösen sich zum Beispiel aus PET-Flaschen, migrieren in den menschlichen Körper und sind dort hormonell aktiv. Dadurch können sie gravierende Gesundheitsschäden verursachen – Allergien, Unfruchtbarkeit, Krebs, Fettleibigkeit und Herzerkrankungen.

Der Umweltanalytiker Kurt Scheidl testete daher eine aufblasbare Weltkugel aus Plastik, die Regisseur Boote im Film um die ganze Welt begleitet, auf ihre potenziell gefährlichen Inhaltsstoffe. Fazit: Das vermeintlich harmlose Kinderspielzeug und Symbol für unseren Planeten enthält Giftstoffe. Der in China produzierte Plastikglobus dürfte so in dieser seiner chemischen Zusammensetzung nicht auf dem Markt sein.

Natürlich weiß die Industrie das alles. Aber sie hat nicht vor, darüber zu reden. Daher fragten wir über das globale Business-Netzwerk Xing die Mitglieder der Gruppe ke Konstruktion & Engineering: Wird bei der Wahl des geeigneten Werkstoffs für ein Produkt immer ausreichend über Alternativen nachgedacht? Die Antworten hätten nicht unterschiedlicher sein können.

Pro und contra Kunststoffe
„Es ist nicht zu übersehen, dass wir im Konsum-Bereich immer mehr Kunststoffprodukte und Verpackungen nutzen. Aber es geht ja um den Maschinen- und Anlagenbau. Auch da ist der Kunde König. Wenn es nach der Zielkostenrechnung geht, fragt sich jeder Hersteller, was ist der Kunde bereit für ein Produkt zu bezahlen? Es gibt ja auch Autos, bei denen ist das Armaturenbrett aus Wurzelholz. Aber diese Autos kauft nicht jeder. In der Elektrotechnik könnte man auch Isolierungen aus Keramik oder einem anderen Material verwenden. Auch da ist der Kunde nicht bereit, die Mehrkosten zu tragen. Also wird Kunststoff verwendet. Das ist günstiger in der Herstellung und auch mit Entsorgungskosten lohnender als Edelstoffe“, verdeutlicht Michael Hatje-Backhove, Geschäftsführer der backhove business navigations.

Arndt Günther Kriegeskorte, Geschäftsführer von Krico, dazu: „Mich stört, wenn man unbekannte Risiken in den Vordergrund drängt, ohne dabei die bekannten Chancen zu nennen. Stellen wir uns einfach mal die Medizintechnik ohne Einwegspritze, PVC-Schläuche und ähnliches vor. Klar, man könnte auch die Patientenliege wieder mit einer Kuhhaut bespannen, aber wollen wir das?“

„Trotzdem müssten viele Dinge nicht aus Kunststoff sein“, kontert Peter Mayer vom Ingenieurbüro für Maschinenbau und EDV aus München. „Viele Dinge werden aus Kunststoff gefertig, weil es einfacher und billiger ist. Eine Reparatur scheint oft nicht mehr möglich. Es wird einfach entsorgt und ein neues Teil gekauft. Der Mensch muss sich grundsätzlich entscheiden, was ihm lieber ist – geringere Kosten oder eine sauberere Umwelt. Leider hat die Natur das Nachsehen.“

„Mit Grundsatzdiskussionen sollten wir sehr vorsichtig sein. Wenn wir über das Thema Umwelt diskutieren, müssen wir immer die gesamte Umweltbilanz von der Entnahme bis zur Rückgabe in die Umwelt sehen. Da gehören dann natürlich auch Zusatzstoffe, erforderliche technische Einrichtungen und die Energiebilanz dazu. Kunststoffe können sehr gut wiederverwendet werden. Deshalb bin ich ein Verfechter der automatisierten Wertstofftrennung“, meint Kriegeskorte.

Herausforderungen für Konstrukteure
„Herkömmlicher Kunststoff verursacht durch die enthaltenen Substanzen hohe Recyclingkosten in der Wieder- und Weiterverwertung oder ist verantwortlich für schwer quantifizier-bare Umwelschäden“, weiß Hatje-Backhove. „Es fehlt einfach ein internationaler Konsens zur globalen Steuerung des Marktes insbesondere durch aufgeklärte und umweltbewusst handelnde Kunden. Wenn alle Kunden keine Kunststoffe mehr kaufen, werden auch in der Herstellung keine mehr verwendet.“
Da ein Großteil der Kosten bereits in der Konstruktionsphase bestimmt werden, steht der Konstrukteur immer wieder vor der Herausforderung, hochwertige Produkte zu günstigen Preisen zu entwickeln. Bleibt nur zu hoffen, dass künftig vermehrt umweltverträgliche Kunststoffe zum Einsatz kommen. Denn auch die gibt es.