Technikkrimi Anlauf Teil 2

Julia Sander

„Frau Sander ist für dich da“, kündigte kurz darauf der junge Mann Julia per Telefon an. Julia vermutete, dass am anderen Ende der Leitung Wolfgang Napper zuhörte. Die fast samtartige Einladungskarte mit dem aufgeprägten Satz „Innovation ist unsere Leidenschaft“ war zumindest in diesem Namen unterzeichnet gewesen. Es wäre uns eine Ehre, Sie als gefragte Technologieexpertin in unserer Lounge auf der Messe begrüßen zu dürfen. Wer würde sich bei so einem Text nicht geschmeichelt fühlen? Unauffällig wischte sie sich die verschwitzten Hände an einem Taschentuch ab. Sie war den ganzen Weg zurück gerannt. Julia unterdrückte ihre Überraschung, als eine Frau mittleren Alters in einem dezenten Kostüm, das sie an ihre Tante aus Schleswig-Holstein erinnerte, zum Empfang kam, sich als Ingrid Foster vorstellte und sie durch eine schallgedämmte Tür in den hinteren Raum führte.

„Vielen Dank, dass Sie unseren Termin so kurzfristig verschieben konnten“, sagte Julia und setzte sich in den ihr angebotenen Ledersessel. „Das ist normal nicht meine Art, aber es handelte sich um einen Notfall.“ Frau Foster sah sie verständnisvoll an. „Ich bin sehr froh, dass Sie sich die Zeit für ein persönliches Gespräch mit uns nehmen. Wir haben nur eine sehr kleine Gruppe von Personen ausgewählt und eingeladen.“

Julias unterschrieb die vorgelegte Vertraulichkeitsvereinbarung nach einem kurzen prüfenden Blick. Dann schlug sie ihr Notizbuch auf. Gerade weil sie nicht viel von diesem Gespräch berichten durfte, war ihre Neugier noch größer. Es ging um das Aufspüren neuester Technologien, Firmengründungen, Lizenzvereinbarungen zu bestehenden oder zukünftigen Patenten, Markteinführungen neuer Produkte und die Bildung von Partnerschaften innerhalb unterschiedlicher Industriezweige, erklärte Frau Foster. Das Team hatte sich vor knapp zwei Jahren zusammengetan, doch noch scheuten sie die Öffentlichkeit. Alle Projekte waren im Augenblick streng geheim. Man stand kurz vor der Gründung, was auch das Fehlen eines offiziellen Firmennamens erklärte. Julia stellte fest, dass sich ihre Gesprächspartnerin in mehreren Branchen äußerst gut auskannte. Schnell waren sie in ein angeregtes Gespräch auf Augenhöhe vertieft. Bei der beiläufigen Erwähnung eines quartalsweise geplanten Magazins zu den Projekten horchte Julia kurz auf. Das klang spannend, denn das Augenmerk lag rein auf Innovationsthemen. Wie es wohl wäre, nur noch in diesem Bereich zu recherchieren? Doch schnell verwarf sie den Gedanken. Der Verlag, für den sie jetzt arbeitete, war ein anerkanntes, solides Unternehmen. Dank dessen Ruf hatte sie in den letzten zwei Jahren ihre Kontakte stark ausgebaut. Ihre Beförderung war erst letzte Woche bekannt gegeben worden.

„Wir planen momentan unsere Europa-Niederlassung in Deutschland aufzubauen. Technisch versierte und gut vernetzte Frauen in der Industrie sind rar. Überlegen Sie sich das doch einmal“, verabschiedete sich Frau Foster nach einer knappen Stunde. Der junge blonde Mann nickte ihr mit einem charmanten Augenzwinkern zu. Julia verließ den Messestand mit dem Versprechen, darüber nachzudenken. Es klang verlockend. Doch wer oder was verbarg sich hinter dieser Fassade, die allenfalls durch so etwas wie ein angedeutetes Logo gekennzeichnet war? Auf Frau Fosters Visitenkarte, von ähnlicher Qualität wie die Einladungskarte, befand sich nur eine Telefonnummer und eine persönliche Emailadresse.

Wie finanzierte sich so eine Firma? Beim Discounter war ein Messestand wie dieser jedenfalls nicht zu haben. Sympathisch war ihre Gesprächspartnerin in jedem Fall. Im Nachhinein kam es ihr jedoch fast so vor, als wäre es weniger ein Pressetermin sondern vielmehr ein Personalgespräch gewesen. Welches Risiko bestand, wenn man bei einer so jungen Firma auf den Zug aufsprang?