Waghalsige Wasserakrobaten 1

Wakeboarden bietet – auch dank pfiffiger Antriebstechnik – Fun und Action
Wakeboarden ist nicht einfach nur Sport, sondern eine Lebenseinstellung. Um den stark boomenden Wasserspaß ausüben zu können, braucht`s neben Brett und Klamotten eine Wakeboard-Anlage. Innovative Antriebstechnik schließlich treibt den Sommerspaß auf die Spitze.

Haufenweise Autos auf dem Parkplatz. Und was auffällt: aus aller Herren Länder. Es ist nicht der Parkplatz vor der Allianz-Arena während eines Bundesliga-Spieles des FC Bayern. Die Fahrzeuge gehören Besuchern des Wakeboard- und Wasserskiparks in Thannhausen.

Wakeboarden ist nicht einfach nur Sport, sondern eine Lebenseinstellung. Und weil das so ist, haben Dipl.-Ing. Christoph Schwarz und Roy Thormann als Geschäftsführer der Turncable GbR in Thannhausen bei Krumbach den klassischen Liftbetrieb mächtig ausgebaut. Ein umfassendes Angebot an Freizeitaktivitäten und Erholungsmöglichkeiten bietet jede Menge Fun, Action und Entspannung – und das für Wakeboarder und Wassersportler aller Alters- und Leistungsklassen.

An der Stelle zur Erklärung vorab: Wikipedia zufolge ist „ein Wakeboard ein Wassersportgerät in Form eines Brettes, das an die Füße geschnallt wird, um damit auf dem Wasser zu gleiten.“ Das trifft`s im Wesentlichen schon ganz gut, das Besondere aber ist: Der Fahrer steht im Gegensatz zum Wasserskisportler seitlich zur Fahrtrichtung auf dem Brett. Prinzipiell kann er von einem Boot gezogen werden, in Thannhausen übernimmt das aber eine Seilbahnanlage.

Die zwei brandneuen Anlagen sorgen für richtig Action und Fun. Nun ist das aber keine gewöhnliche Wasserskianlage, sondern der Kurs ist aufgebaut wie ein Hindernis-Parcours. Über 20 Rampen ermöglichen spektakuläre Stunts – und das auch für Anfänger. Geschäftsführer Roy Thormann: „Die Teilnehmer eines Anfängerkurses können nach etwa 1,5 Stunden alle Wakeboarden. So kommt man an diesen Sport ganz schnell ran und erlebt genau das, was man vorher nur von Videos her kennt: die coolen Jungs auf dem Board.“

Und nach dem Anfängerkurs geht`s auf die flachen Bretter. Gut geschützt mit Schwimmweste und Helm. Und dann heißt es einfach nur höher, weiter und trickreicher. Eine vollauf begeisterte Anfängerin: „Der Sport bietet so viele Möglichkeiten, dass es einfach wahnsinnig viel Spaß macht. Das Ganze macht gute Laune und ist echt cool.“ Ein euphorischer Snowboarder: „Ich möchte auch im Sommer ein Brett unter den Füßen und Skateboarden mit Rollen, das bekomme ich nicht so richtig hin. Da bietet sich das Wakeboarden auf dem Wasser förmlich an.“ Und wer es ein bisschen ruhiger mag, der schaut in Thannhausen dem bunten Treiben in der Beach-Bar bei einem kühlen Getränk zu. Aber natürlich ist es am schönsten, selbst auf dem Brett zu stehen. Die im Sommer vergangenen Jahres in Betrieb genommene Anlage bietet jedenfalls Sommerspaß pur.

Lift 1 ist der klassische nach rechts startende Wakeboard- und Wasserskilift. Besondere Hindernis-Highlights, im Fachjargon als Obstacle bezeichnet, sind die Postbox, der Optimus-Prime und die S-Box. Drehrichtung gegen den Uhrzeigersinn, etwa 600 m Länge, sechs Masten, maximale Geschwindigkeit 55 km/h. Lift 2 ist eine Besonderheit, da es eine der weltweit wenigen Anlagen ist, deren Start nach links erfolgt. Dadurch wird allen Regular-Ridern das Fahren erleichtert. Soll heißen, die mit dem linken Bein vorne stehen tun sich mit einer im Uhrzeigersinn betriebenen Anlage wesentlich leichter.

Gestartet wird also von einer gemeinsamen Startplattform aus. Christoph Schwarz und Roy Thormann, den Planern, Bauherren und Betreibern dieser Anlage, ist ein Alleinstellungsmerkmal gelungen: Es sind die ersten Lifte in Deutschland, die gemeinsam nebeneinander starten, um nach der Startgeraden jeweils in die andere Richtung abzubiegen. Schon mal eine feine Sache.

Wasserspaß 2.0 im neuen System
Lift 3 schließlich, vom Anlagenbauer Sesitec als System 2.0 bezeichnet, wird in Thannhausen als Trainings- und Übungslift genutzt. Es ist eine clevere technische Lösung, um Neulingen im Wakeboard- und Wasserskisport die ersten Schritte auf dem Wasser beizubringen. Da jeweils nur eine Person an diesem Lift fährt, kann sich der Bediener voll und ganz auf den Fahrer konzentrieren und wertvolle Hinweise geben.

Aber auch Profis und Fortgeschrittene können hier ihre Skills verbessern. Apropos Anlagenbauer: Es waren die Begeisterung für den Wassersport und das Engagement als aktiver Wasserskifahrer, die bei Christian von Lerchenfeld die Idee reifen ließen, eine eigene Firma zur Herstellung von Wasserskiliften zu gründen. Er erkannte frühzeitig das Potenzial, das Wakeboard- und Wasserskilifte bieten. 1992 gründete er die Firma Sesitec, die sich auf pfiffige Nischenlösungen spezialisierte. Seither plante und baute das in Bad Hindelang ansässige Unternehmen mehr als 30 Seilbahnen. Dabei wurde die eingesetzte Technik kontinuierlich weiterentwickelt. Heute ist Sesitec ein global tätiger Hersteller für Wakeboard- und Wasserskilifte und exportiert seine Anlagen weltweit: in die USA, nach den Phillippinen, Singapur, Korea, nach Argentinien und Australien. 31 Anlagen wurden ausgeliefert, zehn weitere sind aktuell in Vorbereitung.

Als Betreiber von drei eigenen Anlagen sammelte das Unternehmen auch viel Know-how für Wakeboard- und Wasserskiparks als Gesamtprojekt. Das hat den Vorteil, dass Sesitec nicht nur die Technik für die Seilbahnanlage anbieten kann, sondern seinen Kunden bei der Planung und Umsetzung kompletter Freizeitparks als kompetenter und erfahrener Partner zur Verfügung steht.

Mit seinem Cable System 2.0 entwickelte Sesitec eine mobile Seilbahn für den Funsport. Sie ist durch innovative Technik, eine interessante Bauweise und einen hohen Sicherheitsstandard gekennzeichnet. Es handelt sich dabei um ein geradliniges Zwei-Mast-System. An einem Mast befindet sich als Antrieb ein Getriebemotor, am anderen eine Umlenkrolle. Zwischen den Masten wird an einem umlaufenden Seil ein Mitnehmer befestigt und im Automatikbetrieb zwischen zwei Wendepunkten alternierend verfahren. Die Streckenlänge kann zwischen 50 und 220 m betragen. Vor allem für Wakeboard-Veranstaltungen stellt das System 2.0 eine flexible und sichere Lösung dar. Sein großer Vorteil ist die Mobilität: Es kann überall hin mitgenommen und in kurzer Zeit aufgebaut werden. Die gesamte Lösung passt in einen Kleintransporter und lässt sich so zum nächsten Event transportieren.

Das System 2.0 ist laut Hersteller das erste transportable Liftsystem, das sich an jedem Ort aufbauen lässt, selbst am Teich im privaten Garten. Anders als herkömmliche Zwei-Mast-Systeme verfährt dieses System ohne Stopps in beide Richtungen. Daher kann der Fahrer durch eine Wende in die entgegengesetzte Richtung weiter fahren. Der Wendepunkt lässt sich an einer beliebigen Stelle innerhalb der ganzen Seillänge festlegen. Dadurch müssen die Masten nicht direkt an der Uferlinie aufgestellt werden und man kann bestehende Gewässer ohne große Vorbereitung nutzen. Ein Standard-Getriebemotor DRS von SEW-Eurodrive treibt die gesamte Wakeboardanlage 2.0 an.

Dieser Motor wird durch Movitrac B angesteuert, einen Frequenzumrichter für wirtschaftliche Antriebsapplikationen. Der Umrichter verfügt über die integrierte Positionier- und Ablaufsteuerung Ipos. Der Getriebemotor ist mit einem HTL-Einbaugeber EI7C ausgestattet. Es handelt sich hierbei um einen Einfachgeber aus dem DR-Motorbaukasten mit 24 Impulsen je Motorumdrehung. In Verbindung mit dem Frequenzumrichter Movitrac lassen sich einfachere Positionieraufgaben kostengünstig lösen. Die Geberspuren A und B werden an zwei Digitaleingänge des Umrichters angeschlossen. Der 24-V-Anschluss des Gebers und der binären I/Os werden von der internen 24 V-Hilfsspannung des Movitrac B-Umrichters versorgt, wodurch ein zusätzliches externes Netzteil überflüssig wird.

Leicht bedienbare Benutzeroberfläche
Alle für die Applikation benötigten Ein-/Ausgänge werden durch das Movitrac B-Gerät in Verbindung mit der E/A-Erweiterungskarte FIO 21B von SEW-Eurodrive zur Verfügung gestellt. Mit der Lageinformation des Antriebs und mit Hilfe des eingestellten Fahrprofils können in der Positionier- und Ablaufsteuerung Ipos der Bremsweg sowie die Position, an der die Drehrichtungsumkehr eingeleitet werden muss, berechnet werden. Ipos kann sowohl über die Engineering-Software Movitools MotionStudio als auch durch Öffnen der Sesitec-Parametrieroberfläche gestartet werden.

Über die digitalen E/A-Klemmen des Umrichters werden die Grundfunktionalitäten realisiert: Referenzieren, Tippbetrieb, absolutes Positionieren sowie Not-Halt. Beim Referenzieren legt man den Maschinennullpunkt fest, auf den sich alle absoluten Positionen beziehen. Beim Anfahren der Referenzlage und der Homeposition verwendet der Antrieb eine Beschleunigungs- und Bremsrampe, die über die Parametrieroberfläche des MotionStudios eingestellt wird.

Bei Anlagen älterer Bauart mussten immer Hardware-Endlagenschalter zum Einsatz kommen, für die jeweils auch eine aufwendige Verkabelung erforderlich war. Beim neuen System 2.0 hingegen wird die Endlagenabschaltung durch einstellbare Softwareendschalter realisiert, deren Auswertung in der Ablaufsteuerung Ipos des Umrichters bei bekannter Referenz erfolgt. „Dadurch spart man sich nicht nur die Hardwarendschalter und die Leitung, sondern auch den Installationsaufwand,“ erläutert Michael Epp, Leiter des Technischen Büros von SEW-Eurodrive in Augsburg. Fährt der Antrieb auf den jeweiligen Softwareendschalter, kommt er zum Stehen. Aus dieser Endlage lässt er sich im Tippbetrieb wieder herausfahren. Die Tippgeschwindigkeit regelt man über ein Potenziometer am Bedienpult. Beim Not-Halt wird dem Antrieb die Freigabe genommen und er bremst mit der Stopprampe bis zum Stillstand.

Nun ist es so, dass Anlagenbetreiber ihre Zeit nicht mit Programmieren verbringen, sondern zügig die Anlage in Betrieb nehmen möchten. Deshalb hat SEW-Eurodrive für die Firma Sesitec eine leicht bedienbare Benutzeroberfläche erstellt. Bei der Inbetriebnahme kommt die Engineering-Software Movitools Motion Studio einmalig zum Einsatz. Hier müssen standortspezifische Werte einmal eingegeben werden. Weil bei der mobilen Ausführung des Systems 2.0 die Streckenlängen und räumlichen Gegebenheiten immer verschieden sind, werden hier die Parameter nach jedem Aufbau neu eingestellt. Verschiedenen Parameter werden nach unterschiedlichen User Levels zugänglich gemacht. Dazu gehören die Home- und Startposition, Softwareendschalter und Wendepunkte, ferner Referenzier-, Home-, Start- und Maximalgeschwindigkeit sowie Beschleunigungs-, Brems- und Stopprampen.

Ich muss ganz offen sagen:
Für das, was drin ist, kann
dieser Elektroantrieb brutal viel.
Christian von Lerchenfeld,
Sesitec

Resümee: Die technischen Voraussetzungen sind vorhanden. Was es noch braucht sind ein Board mit Bindung, Schwimmweste und Helm – zusammen rund 1000 Euro teuer. Zugegeben, ein wenig Mut braucht`s schon auch noch.

„Es könnte nicht besser laufen“
KurzInterview: Dipl-Ing. Christoph Schwarz, Turncable

antriebspraxis: Wie wird man vom Maschinenbauer zum
Geschäftsführer einer Firma, die in Thannhausen einen Wakeboard- und Wasserskipark betreibt?
Dass sich das so ergeben hat, war eine Verkettung von Zufällen. Ich habe eine Anlage mal woanders gesehen und andererseits hat sich die Möglichkeit ergeben, mit dem See hier etwas zu machen. Konkret: Der See stand zum Verkauf an. So ist die Idee entstanden, irgend etwas auf diesem Gebiet zu machen und schon ging es los. Der ländliche Raum hat uns auch angespornt etwas Einmaliges zu realisieren, um eine gute Auslastung der Anlage zu garantieren. Dass wir hier eine tolle Anlage stehen haben zeigt sich auch an den Besuchern, die aus ganz Europa nach Thannhausen kommen. Auch Australier waren schon da.

antriebspraxis: Ein Funsport nur für Männer?
Kann man so nicht sagen, das ist im Grunde genommen sehr ausgewogen. Das Wakeboarden erfordert schon Kraft. Männer überwiegen dann noch, wenn ein hohes Niveau gefordert ist. Was aber Anfänger und Freizeitfahrer angeht, dürfte die Verteilung bei etwa 40 % Frauen und rund 60 % Männer sein.

antriebspraxis: Man kann hier mehr als nur Wakeboarden…
Das ist richtig, da steht ein Konzept dahinter. Wenn die Leute hier her kommen, sollen sie sich wie im Urlaub wohlfühlen. Die Gäste können sich rundum versorgen lassen. Wir haben hier Übernachtungsmöglichkeiten und entsprechend angeschlossen eine Gastronomie.

antriebspraxis: Die Anlage ist seit etwa einem Jahr in Betrieb.
Gab es schon mal Ärger mit der Antriebstechnik?
Kaum. Was wir gemacht haben ist, dass wir im Frequenzumrichter die Trägerfrequenz verändert haben. Nun sind die Antriebe leiser. Wenn man mit einer niedrigen Frequenz von 4 kHz fährt, hat man immer so ein Surren im Antrieb. Um das abzustellen, haben wir die Trägerfrequenz auf 16 kHz hochgesetzt. Nun ist dort Ruhe. Allerdings haben wir jetzt ein Problem mit der Temperatur. Die Folge ist, dass uns der Fehlerstromschutzschalter einen Streich spielt. Da sind wir im Moment noch auf der Suche nach der Ursache.

antriebspraxis: Welche Summe haben Sie hier in Thannhausen investiert?
Das möchte ich nicht preisgeben. Auch vor dem Hintergrund, dass Amerikaner im Moment gerade in Dallas eine ähnliche Anlage realisieren. Da wird weitgehend unser Konzept kopiert und realisiert.

antriebspraxis: Wie fällt die Einjahresbilanz geschäftsbezogen aus ?
Perfekt. Es könnte nicht besser laufen. Das hängt aber auch damit zusammen, dass wir hier viele Besonderheiten realisiert haben.

antriebspraxis: Bei diesem geschäftlichen Erfolg: Welche Zukunftspläne haben Sie denn noch?
Es gibt Pläne. Wir machen jetzt im Winter erst mal Urlaub.   -gf-