Anlauf Wage, Bild: Wago

Die Wago-Cloud verwaltet und überwacht die Wago-Controller PFC100 und PFC200, die Daten von Maschinen und Anlagen empfangen. Diese Daten können in der Cloud weiter analysiert und mit Hilfe von Trends und Grafiken visualisiert werden. Bild: Wago

Deutschland ist in vielerlei Hinsicht ein technisch orientiertes Land. In der Industrie zeigt sich das darin, dass vieles separat und – wie das Beispiel Industrie 4.0 belegt – domänenspezifisch vorangetrieben wird. Betrachtet man das Thema Digitalisierung allerdings etwas genauer, so zeigt sich, dass ein breiterer Blick nötig ist. „Die Digitalisierung ist kein Selbstzweck“, erklärt Dr. Mareen Vaßholz, die bei Wago als Leiterin des Digital Transformation Office sowohl Unternehmens- als auch Digitalisierungstrategie übereinander bringen soll.

IoT-Box, Bild: Wago
Die IoT-Box ist eine offene und fertige Lösung zur schnellen Anbindung an Cloud-Systeme. Sie öffnet den Zugang unter anderem zur Wago-Cloud und dient als Gateway zu bestehenden Produktionsanlagen. Bild: Wago

„Wir dürfen nicht nur sehen, was technologisch machbar ist, sondern wir müssen auch betrachten, welchen Nutzen wir für den Kunden stiften, wie wir die Mitarbeiter mitnehmen können, und wie eine Unternehmenskultur aussehen kann, in der Digitalisierung aktiv gestaltet wird.“

Entsprechend sieht sich Wago mit seinen Produkten und Lösungen als Enabler für die digitale Transformation. Das beginnt mit der klassischen Reihenklemme, denn ohne elektrische Anschlüsse läuft gar nichts, weder im Rechenzentrum, noch in Gebäuden oder in Maschinen und Anlagen. Einen Schritt weiter geht das Wago-I/O-System mit über 500 verschiedenen Modulen. Hiermit werden die im Feld verteilten Signale gesammelt und an übergeordnete intelligente Systeme weitergeleitet.

Über Controller und Gateway in die Cloud

Controller PFC200, Bild: Wago
Die neuen Controller PFC200 der zweiten Generation integrieren eine beliebige Anzahl an EtherCAT-Slaves, um die Menge der ansprechbaren Feldgeräte deutlich zu erweitern. Bild: Wago

Dort werden sie von intelligenten Controllern verarbeitet, wie etwa dem PFC200 der zweiten Generation. Durch eine Vielzahl neuer Funktionen hat Wago den Einsatzbereich deutlich vergrößert. Wichtig war den Entwicklern, den Feldbus EtherCAT zu unterstützen, um die Menge der ansprechbaren Feldgeräte deutlich zu erweitern. In der neuen Ausführung lassen sich jetzt beliebig viele EtherCAT-Slaves in ein PFC200-basiertes Steuerungssystem integrieren. Eine wichtige Neuerung ist zudem die umfassende Konfigurierbarkeit des Feldbusses im Zuge des eCockpit Release 1.5. Der Programmierer kann mit der gleichen Hardware festlegen, welches Bussystem unterstützt werden soll.

Die Steuerung der Maschine läuft also schon einmal digital. Nun müssen die Daten natürlich noch an weitere Systeme übermittelt werden, ohne deren Analysemöglichkeiten neue Geschäftsmodelle kaum denkbar sind. Dass dies besonders schnell und effizient klappt, ist besonders bei den in Europa so häufigen Brownfield-Applikationen wichtig.

Wago bietet für dieses Problem eine einfach zu handhabende, praktische Lösung: die IoT-Box. Sie ist unter anderem zugeschnitten auf die Anbindung von Maschinen, Geräten und Liegenschaften. Ausgestattet und komplett vorgefertigt ist die Box natürlich mit Wago-Automatisierungstechnik. Für den sicheren Schutz sorgen solide Gehäuse. Die Box ist eine offene und fertige Lösung zur schnellen Anbindung an Cloud-Systeme. Zu diesem Zweck hat sie Kommunikationsstandards wie OPC UA oder MQTT integriert. Sie öffnet so den Zugang zur Wago-Cloud, und sie dient zudem als Gateway zu bestehenden Produktionsanlagen.

Viele Wege führen in die Cloud

Als komplett vorgefertigtes Gerät kann die IoT-Box schnell in Betrieb genommen werden. Durch einfache Konfiguration ist sie prädestiniert für das Messen von Strömen, Spannungen, Produktionszyklen, Anlagenzuständen und weiteren Signalen. Sie stellt so die unmittelbare Direktanbindung per WLAN oder Mobilfunk an die IT her. Dabei wird auf die Datensicherheit großen Wert gelegt, denn sie ist elementarer Bestandteil der IoT-Box.

Um seinen Kunden den Weg in die Cloud noch einfacher zu machen bietet Wago die so genannte Cloud-Connectivity. Damit ebnet der Hersteller den sicheren Weg zur Wago-Cloud ebenso wie zu einer Vielzahl von Cloud-Lösungen und Diensten weiterer Anbieter, etwa Amazon Web Services (AWS), Microsoft Azure, IBM Cloud, SAP Hana oder anderen MQTT-Brokern.

Die Anbindung an die Feldebene erfolgt in diesem Fall mit dem Wago-I/O-System 750 oder 750 XTR, wobei die Daten in die Cloud über einen Controller der PFC-Familie gesendet werden. Die Controller beherrschen zahlreiche Industrieprotokolle und ermöglichen sogar die Cloud-Anbindung von Sensoren und Aktoren, die selbst keine Internetschnittstelle haben.

In der Cloud laufen dann alle Daten zusammen und können für Analysen genutzt werden. Cloud-Connectivity beherrscht das eventbasierte Publishen, also die ereignisgesteuerte Datenübertragung. Für den Anwender bedeutet das deutlich reduzierte Datenmengen und damit einen Kostenvorteil bei der Mobilfunkverbindung. Für Unternehmen schafft die Wago-Cloud einen echten Mehrwert, ganz gleich, ob sie zur Effizienzsteigerung in der eigenen Produktion, zur Energiedatenerfassung im Gebäude oder zur Entwicklung weiterer Endkundenservices genutzt wird.

Cloud-Connectivity unterstützt dank des nativ integrierten MQTT-Protokolls auch eine Vielzahl weiterer MQTT-Broker, ganz gleich, ob lokal oder im Internet. Das System ist äußerst flexibel einsetzbar, denn durch die native MQTT-Integration mit Publish/Subscribe lässt sich die Datenstruktur an den Vorgaben des MQTT-Brokers ausrichten.

Den Weg zu einem neuen Geschäft ebnen

„Wir sind mit unseren Produkten schon jetzt das Rückgrat einer sich vernetzenden Welt“, betont Dr. Mareen Vaßholz, „was auch in unserer Vision ‚Wago is the Backbone of a smart connected world‘ zum Ausdruck kommt. Aber wir möchten das gerne weiterdenken und uns als Enabler einer Digitalisierung sehen, die über die physische Vernetzung hinaus geht in die Bereiche Dienstleistung und Software.“

Dass die Mindener es ernst meinen, zeigen sie mit ihrem Digital Transformation Office, in dem sich derzeit neben Frau Vaßholz noch ein Kollege aus der IT, eine junge Kollegin aus dem Controlling, eine Kollegin aus dem Kreativbereich und ein erfahrener Kolle aus der Produktionstechnik tummeln. Weitere Stellen sind bereits ausgeschrieben.

„Wir haben unseren Job gut gemacht, wenn unsere Abteilung einmal nicht mehr benötigt wird“ charakterisiert Vaßholz ihre Arbeit. Ein hehrer Vorsatz, aber wenn Digitalisierung wie oft behauptet lebenslanges Lernen bedeutet, dürfte auch der Bedarf an einer Vordenker-Einheit nicht so schnell schwinden.

Interview Dr. Mareen Vaßholz, Bild: Wago
Im Interview mit der ke NEXT gab Dr. Mareen Vaßholz ke-NEXT-Chefredakteur Wolfgang Kräußlich Einblicke in den Digitalisierungsprozess bei Wago. Bild: Wago

Im Gespräch mit Dr. Mareen Vaßholz, Wago

Bild: Wago

„Gemeinsam an der Strategie arbeiten“

Wago hat ein eigenes Digital Transformation Office etabliert, um den Wandel rund um Industrie 4.0, IoT und neue Arbeitsprozesse aktiv zu gestalten. Wir haben die Leiterin der Abteilung nach der Zielrichtung dieser Aktivitäten befragt.

Sie leiten das Digital Transformation Office. Was bedeutet Digitalisierung für ein Unternehmen wie Wago?

Generell kann man sagen, dass der aktuelle Transformationsprozess ja schon viel früher gestartet hat. In den 1990er-Jahren haben wir zum Beispiel das modulare Konzept unserer Reihenklemmen auf die Automatisierungstechnik übertragen und so den ersten Schritt in die Digitalisierung getan. Heute sehe ich die Digitalisierung der Produkte, die Digitalisierung der internen Prozesse und die Digitalisierung der Kundenbeziehung. All das muss gemanaged werden.

Sie sind also dazu da, die Revolution zu managen?

Im Grunde ist das gar nicht so revolutionär und ungewöhnlich. Unser Leben hat sich ja im Privaten auch verändert. Wir chatten mit unseren Eltern per Whatsapp, wir bestellen online unsere Waren und wundern uns, wenn diese nicht am nächsten oder übernächsten Tag da sind. Diese Ansprüche übertragen sich nun auch mehr ins Geschäftliche, auch in den B2B-Sektor. Hier heißt das, dass man einfach mal schnell eine Idee ausprobieren kann, ohne gleich ein physisches Produkt zu erstellen.

Wie geht Wago hier nun vor? Wozu ein eigenes Digital Transformation Office?

Weil das Thema alle Bereiche betrifft, braucht es eine hohe Sichtbarkeit im Unternehmen, damit es im Tagesgeschäft nicht untergeht. Daher haben wir mit Herrn Sallach einen eigenen Chief Digital Officer auf höchster Ebene installiert, und mit dem Digital Transformation Office haben wir eine eigene Einheit, die das Thema operativ vorantreibt. Und zwar nach innen und außen. Schließlich ist es wichtig, dass einem die Kunden den Wandel auch zutrauen, dass sie einem die digitalen Geschäftsmodelle auch abnehmen.

Warum ist Ihr Office eigentlich hier in Minden und nicht in einer der Startup-Hochburgen in Berlin, Hamburg oder München?

Da müssen Sie gar nicht so weit gehen, wir haben eine interessante Startup-Szene in Bielefeld. Aber uns war es wichtig, die Einheit bewusst am Heimatstandort in Minden zu positionieren. Wir wollten nicht die sprichwörtlichen Typen mit den Hoodies, die irgendwo herumbasteln und niemand bekommt davon etwas mit. Wir brauchen Innovatoren im gesamten Unternehmen. Deshalb haben wir vor etwa einem Jahr einen Think-Tank gebildet, bei dem Menschen aus allen Unternehmensbereichen mitgenommen wurden und mit dem wir unsere Digitalisierungsstrategie erarbeitet haben. Mit diesem Think-Tank haben wir natürlich auch Best Practices und die typischen Startup-Spaces angesehen. Wir haben deren Vorgehensweisen analysiert, um zu sehen, was wir davon in Minden umsetzen können. Wir wollen gemeinsam mit Vertretern aller Breiche an der Strategie arbeiten.

Bild: Wago

„Viele vorhandene Prozesse sind sinnvoll und gut. Aber man kann auch im industriellen Kerngeschäft von der Startup-Szene lernen.“

Dr. Mareen Vaßholz ist seit etwa vier Jahren bei Wago. Zuvor promovierte die Wirtschaftsingenieurin im Bereich Systems Engineering und strategische Produktplanung. Bei Wago ist sie heute für die Bereiche Unternehmensstrategie und Digitalisierung verantwortlich.

Wo sehen Sie denn die größten Schwierigkeiten, wenn es um die Umsetzung der digitalen Transformation geht?

Eine Herausforderung ist es sicher, die alten Prozesse mit den neuen zu vereinen. Die alte Struktur in Linien ist auf Effizienz getrimmt. Und wenn man ein produzierendes Unternehmen ist, das physische Produkte herstellt, dann wird das, was in der Vergangenheit gut funktioniert hat, auch in der Zukunft gut funktionieren. Auf der anderen Seite kann man auch im Kerngeschäft durchaus von der Startup-Szene lernen, kann einen Prototypen einfach mal aus Lego bauen, anstatt gleich alles in Stahl zu gießen.

Wago ist ein Familienunternehmen, ein typischer großer Mittelständler. Da hat man typischerweise eine lange Betriebszugehörigkeit. Das wiederum heißt, dass es auch viele ältere Mitarbeiter gibt. Was glauben Sie bedeutet das für die Digitalisierung?

Die Diskussion mit dem Alter erstaunt mich immer wieder. Zum einen haben wir sehr digitalisierungsaffine ältere Mitarbeiter – die treiben ja schließlich seit Jahren das Thema Automatisierung aktiv voran. Und außerdem transformieren wir uns ja alle permanent, nutzen Smartphones, bestellen online. Natürlich muss man Mitarbeitern an manchen Stellen die neuen Technologien näher bringen. Aber beim Wechsel vom Zeichenbrett zum CAD-Bildschirm hat das ja auch geklappt. Hier müssen die Unternehmen eben mit Fortbildungen helfen. Und Unterschiede akzeptieren. Manche Menschen nutzen zur Kommunikation lieber Chatsysteme, andere telefonieren gerne. Beides muss möglich bleiben.

Werfen wir einen Blick auf Ihre Produkte: Welche Auswirkungen hat Ihre Strategie hier?

Wir sehen uns als Enabling Partner für unsere Kunden, damit diese Digitalisierung bei sich im Automatisierungsbereich vorantreiben können. Das sind zum Einen Produkte, die direkt mit der Digitalisierung zu tun haben: Steuerungen, Gateways, Cloud-Dienste. Es geht aber auch darum, was der Kunde um die Produkte herum an Services oder Software benötigt, um sein Ziel zu erreichen. Hier überlegen wir uns, wie neue Geschäftsmodelle rund um die bestehenden Produkte aussehen können. Wenn wir in diesem Zusammenhang die Wertschöpfungsprozesse ansehen – unsere und die des Kunden – dann können auch für völlig undigitale Bauteile wie die Reihenklemme plötzlich neue digitale Dienstleistungen entstehen.

Wo sehen Sie die Grenzen der Digitalisierung? Oder wird alles digital?

Nein, man muss nicht alles digitalisieren. Es braucht sicher in vielen Bereichen einen Mindshift. Aber ich glaube beispielsweise, dass der persönliche Kontakt zum Kunden auch in Zukunft immer noch sehr wichtig bleiben wird. Die Digitalisierung soll ja am Ende dem Menschen dienen. wk