Bewertung TTIP, Bild: Fotolia - fotogestoeber

Viele Argumente sprechen für TTIP, Bild: Fotolia - fotogestoeber

Das transatlantische Freihandelsabkommen TTIP zwischen der Europäischen Union und den USA polarisiert die Gesellschaft. Die Maschinen- und Anlagenbauer begrüßen die geplante Schaffung eines großen Wirtschaftsraums ohne Zollschranken, aber mit gemeinsamen Regularien und Standards für über 800 Millionen Menschen. Hierzu interviewte der VDMA Volker Pape, Vorstand bei Viscom. Das Unternehmen aus Hannover  entwickelt Inspektionssysteme für die Elektronikindustrie.

Was wäre für Sie ein großer Nutzen von TTIP?

Pape: Ein direkter Nutzen ergibt sich dadurch, dass wir den Einfuhrzoll einsparen würden. Das ist durchaus relevant bei dem teilweise sehr aggressiven Wettbewerb aus asiatischen Ländern wie Korea, dem wir auf dem US-Markt ausgesetzt sind. Jene 3,5 Prozent Zoll, die wir einsparen würden, hätten schon Auswirkung auf unsere Preise. Darüber hinaus wäre TTIP hilfreich beim Thema Normen. Wenn der Zusatzaufwand für die Angleichung an amerikanische Standards entfallen würde, brächte das sicher eine erhebliche Kostenersparnis.

Ich habe auch eine persönliche Einstellung zu diesem Thema: Als ich dieses Unternehmen zusammen mit meinem Partner vor 30 Jahren gegründet habe, gab es überall in Europa noch Zollschranken. Ich habe unsere Geräte in der ersten Zeit noch selbst über die Zollgrenzen zu Kunden gebracht. Ich empfinde es als archaisch, wenn man zwischen engen Partnern Zollgrenzen hat. Dass war damals so, und das ist auch jetzt transatlantisch mit den Amerikanern so. Deshalb bin ich sehr dafür, dass man diese Schranken aufhebt.

Was halten Sie von den Argumenten der TTIP-Gegner?

Pape: Im Wesentlichen scheint da eine diffuse Angst durch. Man hat Angst vor Veränderung. Über allem steht eine grundsätzliche Kritik an unserer Welt. Die Welt wird sich aber nicht wesentlich ändern, sei es mit TTIP oder ohne. Dennoch finde ich, dass die Europäische Union bei diesem Thema nicht mit dem nötigen Fingerspitzengefühl vorgegangen ist. Man hat nicht gut kommuniziert, sondern erst einmal alles im Geheimen gehalten.

Andere Handelsabkommen werden auch nicht offen kommuniziert. Ist es nicht eher ein latenter Anti-Amerikanismus, welcher der Kritik zugrunde liegt?

Pape: Der Anti-Amerikanismus ist sicher ein Grund. Im Kern ist es eine Sorge vor dem vermeintlich starken Fremden und damit auch eine Überschätzung Amerikas. Man fürchtet, dass die Amerikaner großen Einfluss auf unsere Kultur haben werden. Ich kann die Angst vor amerikanischen Produkten nicht verstehen. Man muss sie ja nicht kaufen. Und man unterschätzt den Wunsch der Amerikaner nach qualitativ hochwertigen europäischen Produkten. Grundsätzlich gilt: Wenn man Türen öffnet, um hinauszugehen, kann auch immer jemand hereinkommen. Das ist natürlich. Aber das ist doch gerade auch der positive Teil der Globalisierung.

Parallel zu TTIP verhandeln die USA auch noch mit Pazifikanrainer-Staaten über ein Freihandelsabkommen. Könnte so ein Abkommen bewirken, dass man ohne TTIP ins Hintertreffen geraten würde?

Pape: Das wäre sicherlich eine unglückliche Situation. Wenn wir es nicht schaffen, mit einem langjährigen, positiven Partner wie den USA trotz unterschiedlicher Interessen an der ein oder anderen Stelle ein Freihandelsabkommenabzuschließen, werden wir uns sicherlich schwertun, das mit anderen Ländern in der Welt umzusetzen. Die USA werden sich auch eher denen zuwenden, mit denen sie Freihandelsabkommen haben, weil es für sie natürlich leichter ist, dort Geschäfte zu machen.

Wie sollten die Verhandlungspartner von TTIP angesichts der Kritik weiter vorgehen?

Pape: Wenn man feststellt, dass TTIP im derzeitigen Verhandlungszustand noch Mängel hat, wäre es vielleicht eine Hilfe, wenn man bis Ende dieses Jahres einen einigermaßen akzeptablen Zustand schaffte. Und sich ein paar Jahre für Nachjustierungen offenhielte, die das Ganze auch für Kritiker akzeptabel machen würden. Ich halte es für sinnvoll, dass wir diesen TTIP-Weg gehen. Eine Welt, in der wir alle Hemmnisse beseitigen, ist mir lieber, als eine Welt, in der überall neue Grenzen gezogen werden, wie wir das gerade wieder entstehen sehen.

Wie wichtig ist Amerika für Ihr Unternehmen?

Pape: Die USA sind für uns ein wichtiger Handelsraum, obwohl Mexiko vom Volumen her größer ist. Das liegt daran, dass Mexiko so etwas wie eine verlängerte Werkbank der USA ist. Dennoch sind die USA für uns sehr wichtig. Erstens gibt es den Trend zur Re-Industrialisierung, oder Re-Sourcing, wie die Amerikaner sagen. Der ist noch nicht so stark, wie sich das die Regierung wünscht, aber er ist erkennbar. Zweitens sind die USA wichtig als Technologietreiber. Viele High-Tech-Unternehmen sind dort beheimatet. Das ist für uns wichtig.

Sollte TTIP Erleichterungen für den Mittelstand festschreiben?

Pape: Der Mittelstand ist in Deutschland eine bedeutende Strukturkomponente und ein Träger unserer Wirtschaft. Deshalb sollte man seine Bedeutung auch in den  TTIP-Verhandlungen  berücksichtigen. Das macht auf jeden Fall Sinn. Auch in den USA gibt es zunehmend Unternehmen, die eine typische mittelständische Struktur aufweisen. Diese Unternehmen müssten auch daran interessiert sein, dass TTIP ihre spezifischen Interessen berücksichtigt.

Das Interview führte der VDMA im Rahmen einer Interviewserie zum Freihandelsabkommen TTIP