| von Angela Unger

Warum wird dieses Thema so stiefmütterlich behandelt?

Weil die Bauteile klein und unscheinbar sind. Und weil sie niemandem auffallen, wenn sie funktionieren.

Was möchten Sie der Industrie mit auf den Weg geben?

Dass es ohne Forschung in Zukunft keine Innovation geben wird. Denn Forschungsergebnisse sind nun mal zwingende Voraussetzungen für Innovationen. Es gibt nur wenige forschende Unternehmen im Dichtungsbereich. Das sind in erster Linie die großen Firmen. Also sollten die Unternehmen die Forschungsstellen unterstützen. Denn nebenbei generieren wir ja noch die von ihnen so dringend eingeforderten Fachleute. Und wenn wir wegen fehlenden Geldes keine Forschung betreiben können, dann können wir die Leute auch nicht vernünftig ausbilden.

Ihre Zukunftsprognose sieht für die Branche nicht rosig aus?

Diese Entwicklung gibt es nicht nur in der Dichtungstechnik. Auch die Forschung in den anderen alt hergebrachten Technologiebereichen wird viel zu wenig gefördert. Man hört immer von Digitalisierung und dorthin fließt relativ viel Geld, aber für die klassischen Maschinenbaufächer wird viel zu wenig getan. Das wird sich irgendwann rächen. Beispielsweise fehlen jetzt die vor Jahren wegrationalisierten Elektrochemie-Lehrstühle für die Fortschritte in der Elektromobilität. Plötzlich werden diese Leute wieder dringend gebraucht, aber solches Know-how aufzubauen kostet viel Geld und Zeit. Ähnliches sehe ich momentan bei den klassischen Maschinenbaufächern und insbesondere bei der Dichtungstechnik.

Was würden Sie den Studenten mit auf den Weg geben wollen?

Etwas Allgemeines: Dass sie in erster Linie die grundlegenden Fächer, die in vielen Produkten und Branchen benötigt werden, studieren, wie technische Mechanik, Regelungs-, Dichtungs-, Kunststofftechnik oder Konstruktion. Und nicht irgendein Spezialfach. Denn wenn ich über gute Grundlagen verfüge, kann ich mir innerhalb kürzester Zeit Spezialwissen erarbeiten. Wenn ich hingegen nur Spezialkenntnisse habe, wird mir das Einarbeiten in einen anderen Bereich extrem schwerfallen.

Hand aufs Herz. Werden Sie sich privat von der Dichtungstechnik fernhalten können?

Von der Dichtungstechnik kann man sich nicht fernhalten, da die empfindlichen Teile überall verbaut sind. Beispielsweise benötigt unser 30 Jahre alte VW-Bus hin und wieder eine neue Dichtung. Aber ansonsten müssen 40 Jahre Forschung, Lehre und Beratung in der Dichtungstechnik für mich reichen.