Fragender Entwickler, Bild: Centigrade

Nicht jede Design-Spezifikation erschließt sich dem Entwickler direkt. Bild: Centigrade

Ein intuitiv bedienbares Human Machine Interface (HMI) erspart kostenaufwändige Schulungen, Fehlbedienungen und vieles mehr. Auf dem Weg dorthin unterliegen jedoch viele Software Engineers und sogar HMI-Designer der Täuschung Ihrer eigenen Intuition. Sie sagen sich (noch korrekterweise): „Ein HMI-Design muss konsistent und ästhetisch aufgebaut sein, damit Bediener aus bereits erlernten Mustern auch in neuen Nutzungskontexten profitieren können. Können sie eine Maschine bedienen, können sie dann praktisch jede Maschinen bedienen.“

Manche schlussfolgern jedoch falsch weiter: „Wer Konsistenz im HMI-Design schaffen möchte, tut gut daran, sich bei der Nachbardisziplin des Corporate Design (CD) zu bedienen – denn dort existieren bereits seit Jahr und Tag Regelwerke zur Schaffung von Konsistenz in Markenerlebnissen: die CD-Styleguides.“

Erste Gestaltung Apple und Amazon, Bild: Archive.org
Sogar Amazon und Apple irrten damals, als sie glaubten es sei eine gute Idee, das aus dem Medium Zeitung erlernte Gestaltungswissen 1:1 auf das neue Medium Internet zu übertragen. Bild: Archiv.org

Leider ist dies eine falsche Analogie: genauso wie es in den Anfangsjahren des Fernsehens eine schlechte Idee war, die Tagesnachrichten in gleicher Manier wie im Radio einfach vorzulesen oder erste Internetseiten wie Zeitungsartikel mit jeder Menge Fließtext in Serifenschrift zu gestalten, ist dies zwar intuitiv (weil bereits bekannt), aber trotzdem falsch. Die Regelwerk-Philosophie traditioneller CDs kann nicht so einfach auf moderne HMIs und deren Entwicklung übertragen werden.

Statisch ist statisch und bleibt statisch

CD-Styleguides sind statische Dokumente. Mit den darin enthaltenen Design-Richtlinien werden statische Medien gestaltet. HMIs hingegen sind alles andere als statisch. Weder bleibt ein HMI Screen während der Bedienung lange im gleichen Zustand, noch kommt ein HMI-Konzept aufgrund der sich ändernden Marktanforderungen lange ohne Weiterentwicklungen oder Ergänzungen aus.

CD-Styleguide, Bild: Centigrade
Ein typischer CI Styleguide ist im Kern ein Dokument von visuellen Gestaltern für visuelle Gestalter. Bild: Centigrade

Das bereits bei CD-Styleguides existierende, jedoch in dieser Domäne weniger kritische Problem des „Bereits-Überholt-Seins“ potenziert sich. Ein Entwickler der einmal einige Zeilen Quellcode auf Basis einer veralteten Richtlinie programmiert hat, um diese dann wieder verwerfen zu müssen, wird dem Styleguide alsbald den Rücken kehren. Zudem kann der Versuch, komplexe, dynamische Sachverhalte in einem statischen Dokument zu beschreiben in einer ausladenden Sintflut von Prosa enden, die niemals wirklich gelesen oder gar angewendet wird.

Ästhetik ist nicht gleich Ergonomie

CD-Styleguides beschreiben meist rein ästhetische Sachverhalte, aus denen sich leicht Richtlinien ableiten lassen. Die korrekte Position eines Firmenlogos oder die geordnete Verwendung bestimmter vordefinierter CD-Farben wie in Printmaterialien oder Messeständen kann also effektiv in ein Regelwerk gefasst werden.

Dagegen ist die korrekte Verwendung mannigfaltiger HMI-Controls in diversen Anwendungskontexten für verschiedenste UI-Technologien, Endgeräte und Bildschirmgrößen eine ganz andere Herausforderung. Leider reicht es nicht, wenn das resultierende HMI „nur“ ästhetisch erfolgreich ist; also alle HMI-Elemente harmonisch auf dem Bildschirm platziert wurden. Viel wichtiger für den Gesamterfolg des HMI ist die Frage, ob es auch ergonomisch, effizient und fehlerfrei benutzbar ist – also eine insgesamt positive User Experience (UX) bietet. Hierüber entscheiden oft viel subtile Faktoren, die sich kaum in allgemeine Regeln gießen lassen.

UX-Diagramm, Bild: Centigrade
Gute User Experience ist immer ein Resultat des Zusammenspiels verschiedener Disziplinen – es geht auch aber nicht alleine um Ästhetik. Bild: Centigrade