Technikkrimi Anlauf Teil 3

Julia Sander

Plötzlich erinnerte sich Julia an Stuart und sein Problem. Sie rief ihn sofort an und erfuhr, dass Plan B bereits in vollem Gange war. Sein Kollege war außer Haus und würde wie geplant erst kurz vor Stuarts Präsentationstermin ins Büro kommen können. Rettung nahte in Form von Anette, berichtete er.

Sie arbeitete im selben Gebäude, in dem sich sein Labor befand, kannte sich mit Technik aus und war vertrauenswürdig. Den Zugangscode würde sie mit ins Grab nehmen. Der neue Roboter-Torso hatte für sie die größte Herausforderung dargestellt. Er war nicht schwer, im Gegenteil. Er war unerwartet leicht und wirkte fragil, so dass Anette Angst gehabt hatte, ihn zu beschädigen. Doch mit Stuarts Schützenhilfe per Webcam war er zügig in einer gepolsterten Kiste transportbereit.

Julias Idee für das neue Geheimversteck war brillant gewesen. Bis auf ein winziges Detail. Das Büro lag am Stadtrand in der Nähe der Autobahn. Die kleine Wanderhütte ihrer Familie in den Bergen war nur knapp eine Stunde entfernt und groß genug für das gesamte Equipment. Noch wichtiger war, dass sie über eine Photovoltaikanlage zur Stromversorgung verfügte. Doch es schüttete immer noch unerbittlich. Anette hatte gerade verzweifelt angerufen. Die Speicherbatterie war mit nur fünf Prozent Kapazität fast leer. Julia überlegte fieberhaft, wer in der Nähe der Hütte einen Generator hatte. Sie rannte zu Stuarts Stand. Aus dem Augenwinkel nahm sie an einer Ecke einen mit Kunstrasen verzierten VW Käfer wahr. Das war die Lösung! Außer Atem blieb sie stehen und rief ihre Mutter an. Mit dem neuen bidirektionalen System ihres Elektroautos, das erst kürzlich zusammen mit einer 10 kWh starken Batterie als Range Extenders nachgerüstet worden war, konnte Strom bei Bedarf an externe Verbraucher abgegeben werden. Wenn ihre Mutter gleich mit dem Auto zur Hütte fuhr, könnten sie den Pilotaufbau samt Rechner und WLAN-Port betreiben.

Stuart umarmte sie kurz erleichtert, wandte sich aber sofort wieder seinem Laptop zu. Er schaute sich gerade die Videoaufzeichnungen seiner letzten Tests an und verglich sie mit der Aufnahme, die er sofort nach Julias Besuch vorhin gemacht hatte. Er hatte jeden Bereich des Versuchsaufbaus vergrößert und dabei schließlich einen kleinen Fleck auf der Glühlampe entdeckt. Zitternd vergrößerte er diesen Ausschnitt und erkannte einen kleinen Lötzinnspritzer. Der Vergleich mit einer früheren Aufnahme bestätigte seinen Verdacht: Es musste ein Hardware-Bauteil getauscht worden sein. Das konnte nur der FPGA sein. Nur das machte Sinn.

Nach ihrem letzten Interview am Nachmittag lief Julia wieder zurück zu Stuart. Er war angespannt und aufgewühlt. Anette war ins Labor gerast, hatte den Ersatzschaltkreis geholt, war zurück zur Hütte gehetzt und hatte ihn dort mit Stuarts Hilfe eben aufgelötet. Allerdings musste er den FPGA noch neu flashen und die Software testen. Er wischte sich die verschwitzten Haare aus dem Gesicht. Sein potentieller Auftraggeber konnte jede Sekunde auftauchen. Julia versprach, den Kunden so lange zu unterhalten, bis alles fertig war. Wer würde bei einem kleinen Exklusiv-Interview nein sagen?

Eine Stunde später war es überstanden. Stuart konnte es kaum glauben. Der Test war erfolgreich gelaufen, der Roboter-Torso hatte sich menschenähnlich in den genau vorhergesagten Richtungen beweg. Die Temperatur des FPGA war trotz der hohen Anzahl an Rechenoperationen nicht höher als der Normbereich. Julia sah Stuart an, wie die Anspannung von ihm abfiel, als der Kunde anerkennend nickte.

„Bis wann können Sie mir tausend Stück liefern?“, kam nach einer langen Pause die erhoffte Frage des Kunden. „Ich brauche sie innerhalb der nächsten vier Wochen.“

„Das könnte knapp werden“, antwortete Stuart vorsichtig.

„Ich kann Ihnen den Auftrag nur geben, wenn Sie mir die rechtzeitige Lieferung elektronisch bestätigen. Sonst muss ich leider zu Ihrem Wettbewerber gehen, auch wenn ich dort nicht die gleiche Funktionalität bekomme“, verabschiedete sich der Kunde und ließ Stuart verzweifelt zurück.