Man kann sein Gehirn dazu bringen, besser und vorurteilsfrei, ohne dass der eigene Filter

Man kann sein Gehirn dazu bringen, besser und vorurteilsfrei, ohne dass der eigene Filter zuschlägt, mitzubekommen, was in einem und um einen herum passiert. Wenn man das acht Wochen zwanzig Minuten am Tag macht, verändern sich Hirnstrukturen. Bild: Fotolia; psdesign1

Frau Dr. Notebaert, Herr Creutzfeldt, welche Voraussetzungen müssen gegeben sein, damit das Gehirn Spitzenleistungen erbringen kann?
Notebaert: Wenn wir über Leistung reden, geht es nicht darum, noch mehr zu arbeiten. Die Definition, die wir für Leistung benutzen, ist Leistungsstärke und Potenzial minus unsere internen Störungen. Obwohl Emotionen, Impulse und Gedanken für Entscheidungen sehr wichtig sind, sind diese oft genau unsere interne Störungen.

Könnten Sie für die internen Störungen bitte ein Beispiel nennen?
Notebaert: Also, wenn wir bei der Arbeit ständig von negativen Emotionen gestört werden, weil wir beispielsweise mit jemanden zusammenarbeiten müssen, den wir gar nicht leiden können. Das verursacht im Gehirn einen großen Energieverlust, weil wir dann mit diesen Emotionen beschäftigt sind. Wenn wir Spitzenleistung erbringen möchten, ist es wichtig zu verstehen, was wir brauchen, um diese internen Störungen so klein wie möglich zu halten. Wenn die internen Störungen sehr klein sind, bedeutet das auch, dass wir unser Potenzial so gut wie es geht nutzen können, damit wir sozusagen in einen Flow kommen, wo wir gar nicht von Störungen, negativen Emotionen und Stress gestört werden.

Wie schafft man es denn, diese Störungen möglichst auszuschalten?
Notebaert: Was wir brauchen, ist Selbstregulation. Das ist unsere Fähigkeit, Emotionen, Impulse und Gedanken auf gesunde Weise zu regulieren, und da spielt Mindfulness, also Achtsamkeit, eine ungemein wichtige Rolle.

Prof. Karolien Notebaert

„Unser Gehirn ist nicht für ein Leben mit Multitasking und immer mehr zu erbringender Leistung ausgerichtet“, sagt Dr. Karolien Notebaert, Neurowissenschaftlerin und Inhaberin von One Step Ahead – Notebaert Consulting

Sie hatten vorhin die negativen Emotionen als mögliche Störungen genannt. Jetzt würden Ingenieure sicherlich sagen, wir sind doch ganz sachlich orientiert.
Notebaert: Emotionen, und das wurde schon oft nachgewisen, sind unglaublich wichtig für Entscheidungen. Denn ohne Emotionen kann man keine guten Entscheidungen treffen. Auch Ingenieure haben Emotionen. Es kann natürlich sein, dass manche Leute Emotionen schneller spüren oder schneller zeigen als andere, aber das bedeutet nicht, dass die anderen keine Emotionen haben.

Das heißt, die Emotionen sind schon da, nur merken das einige Ingenieure weniger gut?
Notebaert: Ja genau. Stress zum Beispiel entsteht auch durch Emotionen und Gedanken. Dass manche Leute ein Burnout entwickeln, kommt vor allem von einer Struktur im Gehirn, die eine sehr wichtige Rolle für Emotionen und Stress spielt. Das bedeutet, dass Emotionen und Stress sich von neurowissenschaftlicher Perspektive aus gesehen sehr nah stehen.

Ingenieure und Konstrukteure entwickeln oft mit Leidenschaft. Wenn der Controller das aus Kostengründen verbietet, ist das für sie Stress. Wie wirkt sich dieser im Gehirn aus?
Notebaert: Bei negativen Emotionen und Stressreaktionen spielen die Amygdala, also die Mandelkerne im Gehirn eine wichtige Rolle. Das sind zwei sehr kleine Strukturen in der linken und rechten Gehirnhälfte, die zeigen, was emotional wichtig für uns ist. Wenn jemand in den Raum kommt und wir kennen ihn gut, dann sind die Amygdala schon aktiv. Würde ein gefährliches Tier den Raum betreten, dann würden die Amygdala einen Überlebensmechanismus aktivieren und bewirken, dass wir entweder kämpfen, wegrennen oder aus Angst stehenbleiben. Das ist ungemein wichtig für unser Überleben.
Das Problem ist, dass sich die Amygdala nicht an unsere Entwicklung angepasst hat. Das bedeutet, wenn wir mit einem Kollegen zusammenarbeiten müssen, den wir gar nicht mögen, sind die Amygdala auch ziemlich aktiv und können schon unnettes Verhalten bewirken. Eine andere Struktur des Gehirns, der Frontalkortex, das ist eine Struktur ganz vorne im Gehirn, die sehr wichtig ist für all unsere Exekutivfunktionen wie beispielsweise Analysieren, Probleme lösen, reguliert die Amygdala-Aktivität. Das ist so, damit wir nicht mit unseren Kollegen ständig kämpfen. Der Präfrontalkortex, der für unsere emotionale Regulierung verantwortlich ist, hat jedoch eine beschränkte Kapazität, die wir fast jeden Tag erreichen. Einfach, weil er nicht für ein Leben mit Multi-Tasking und immer mehr zu erbringender Leistung ausgestattet ist. Wenn der Chef zum Ingenieur ständig sagen würde, du darfst nicht weiter entwickeln, dann verursacht das natürlich auch negative Emotionen und ganz viel Amygdala-Aktivität. Diese muss dann ständig reguliert werden, das bedeutet, dass Ingenieure dann schließlich im Gehirn viel weniger Kapazität für ihre Arbeit zur Verfügung haben. Wenn dieser Zustand länger dauert, bedeutet das auch, dass man in diesem Modus bleibt.
Ins Burnout geraten vor allem die Leute, die sehr starke negative Emotionen zeigen und die auch ständig das Gefühl haben, dass irgendwo Bedrohungen lauern.