Aufzug-Notfallplan, Bild: Schindler

Mehr Sicherheit: Damit eingeschlossene Personen rechtzeitig befreit werden können, ist in Deutschland seit dem 1. Juni 2016 für jeden Aufzug ein Notfallplan vorgeschrieben. Bild: Schindler

Die Struktur der deutschen Aufzugsindustrie ist dadurch geprägt, dass neben einem breiten Mittelstand nur vier Unternehmen zu den internationalen Konzernen gehören. Das sind auch gleichzeitig Firmen, die im Fahrtreppengeschäft tätig sind. Der Gesamtmarktanteil für Neuanlagen dieser Big 4, das sind die Firmen Schindler, Thyssen, Otis und Kone, beträgt rund 60 Prozent, so der VDMA. Der Aufzugs-Mittelstand hat entsprechend ebenfalls einen Marktanteil von rund 40 Prozent bei Neuanlagen. Diese Zahlen sind Hochrechnungen des Fachverbands auf der Basis von Umfragen für die Gesamtbranche.

Die Konjunkturentwicklung der Branche steht in sehr engem Zusammenhang mit der Entwicklung der relevanten Bautätigkeit. Der Preiswettbewerb zwinge die Branche zu ständigen Rationalisierungs- und Innovationsmaßnahmen, so Ebru Gemici-Loukas vom Fachverband Aufzüge und Fahrtreppen im VDMA. Innovationen wie der Maschinenraumlose Aufzug bestimmten mittlerweile weit mehr als zwei Drittel des Aufzugsmarktes. So sei in den letzten Jahren eine Verschiebung der Nachfrage von Hydraulik- zu Seilaufzügen festzustellen. Die Nachfrage nach Hydraulikaufzügen sinke seit 1998 kontinuierlich – bei einem Auftragseingang von rund 900 Millionen Euro in 2015 lag der Anteil hydraulischer Aufzüge nur noch bei 38,2 Millionen.

Neubau, Nachrüstung oder Modernisierung

Den Verdrängungswettbewerb bei Neuanlagen versucht die Branche durch die Modernisierung und Aufrüstung von Altanlagen zu kompensieren. „Ich sehe die Nachrüstung als nicht so bedeutend für unsere Branche an wie die Modernisierung“, betont daher der Vorsitzende der Otis-Geschäftsführung Udo Hoffmann. Otis ist seit 163 Jahren im Geschäft und der weltweit größte Hersteller und Servicedienstleister für Aufzüge, Fahrtreppen und Fahrsteige mit einem Umsatz von rund 11 Milliarden Euro in 2015. „Der Neubau und die Modernisierung sind sicherlich die Märkte, die uns auch in Zukunft den Markt sichern werden“, ist der Geschäftsführer Deutschland überzeugt.

Denn seit einigen Jahren befindet sich die Branche in einem einem technologischen Umbruch, der nach Inkrafttreten der europäischen Aufzugsrichtlinie insbesondere durch die zuvor nicht mögliche Entwicklung des triebwerksraumlosen Aufzugs einsetzte. Die Einhaltung der europäischen Normen EN 81-1 für Seilaufzüge und EN 81-2 für hydraulische Aufzüge stellt den sehr hohen Sicherheitsstandard von Aufzugsanlagen europaweit sicher. „Nicht umsonst sprechen wir heute vom Aufzug als dem sichersten Verkehrsmittel“, meint Gemici-Loukas vom VDMA.

Dazu sollen auch die Empfehlungen der EU-Kommission (95/216/EG) beitragen, die in zehn wesentlichen Punkten für ältere Aufzugsanlagen die Anpassung an das Sicherheitsniveau von Neuanlagen fordern. Darüber hinausgehende weitere potenzielle Gefährdungen bei Altanlagen wurden im Rahmen der Arbeiten zum europäischen technischen Regelwerk identifiziert und in einer Norm mit Einschätzung des Risikos und Angaben zu möglichen Änderungsmaßnahmen (EN 81-80) publiziert. Die Anwendung dieser Norm obliegt den Mitgliedsstaaten im Rahmen rechtsstaatlicher Verordnungen, wozu in Deutschland die Betriebssicherheitsverordnung (BetrSichV) gerechnet werden kann.

Diese Betriebsicherheitsverordnung ist eine Chance, bei älteren Aufzugsanlagen die Sicherheit der Benutzer, des Instandhaltungspersonals und des Prüfpersonals zu erhöhen. Es hat sich mittlerweile ein Verfahren eingestellt, bei dem die Technischen Über­wachungsvereine auf Basis der EN 81-80 einen Soll/Ist-Vergleich der Anlage anbieten und auch für spätere sicherheitstechnische Betrachtungen und Gefährdungsanalysen zur Verfügung stehen. Damit verknüpft sind natürlich auch die Erwartungen der Aufzugsindustrie, in diesem Bereich sowohl etwas zur Sicherheit der Be­nutzer als auch zur Erhaltung der Arbeitsplätze beitragen zu können.

Testturm, Bild: Thyssen Krupp
Thyssen Krupp hat in Rottweil einen Testturm als Forschungszentrum für Aufzugstechnologie errichtet. Die 246 Meter hohe Konstruktion wird dem Test sowie der Zertifizierung von Aufzugsinnovationen dienen und so zu erheblichen Verkürzungen der Entwicklungszeit zukünftiger und bereits in der Konstruktionsphase befindlicher Wolkenkratzer auf der ganzen Welt beitragen. Mit zwölf Schächten und Fahrgeschwindigkeiten von bis zu 18 m/s bietet der Turm nie dagewesene Möglichkeiten zur Lösung kommender Herausforderungen. Drei Schächte sind für den seillosen Multi-Aufzug vorgesehen.Bild: Thyssen Krupp